Von Selbstfürsorge und Selbstverantwortung

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Aus einer leeren Kanne kann man nicht gießen. Bildlich gesprochen ist damit eigentlich schon alles gesagt. Wo nix drin ist, kann nix rausfliessen. Das ich mich gut fühle ist die Basis, um auch für andere ausreichend wertschätzend da zu sein. In der Praxis ist es allerdings etwas komplexer. 

Was bedeutet Selbstfürsorge?

Selbstfürsorge bedeutet, sich selbstverantwortlich darum zu kümmern, dass die eigenen Bedürfnisse auf physischer und psychischer Ebene ausreichend versorgt sind. Dazu zählen beispielsweise Schlaf, Ernährung, soziale Kontakte, Bewegung und Erholung. 

Regelmäßige Selbstfürsorge ist wichtig für die Aufrechterhaltung unserer Lebensqualität und kann dazu beitragen, körperliche und geistige Gesundheitsprobleme zu vermeiden. Wenn wir gut für uns sorgen, handeln wir also präventiv, vorbeugend und kümmern uns eigenverantwortlich um unsere Gesundheit und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, ein glücklicheres und erfüllteres Leben zu führen und dadurch unsere gesamte Lebensqualität zu verbessern. 

Einen sehr interessanten und wichtigen Aspekt finde ich, dass nur, wenn es uns seelisch und körperlich gut geht, wir auch den Kopf frei haben, uns auch um die Bedürfnisse anderer zu kümmern. Das räumt also jeden Zweifel aus, ob Selbstfürsorge nicht zu egoistisch sei. Denn nur wenn es dir gut geht, kannst du auch anderen mehr geben oder gar überhaupt ausreichend für sie da sein. 

Was bedeutet Selbstfürsorge nicht?

Wir alle haben ja „gerne“ so Überzeugungen wie: 

  • Es gehört sich nicht, sich selbst zu wichtig zu nehmen.
  • Wir sind bessere Menschen, wenn wir uns für andere aufopfern. 
  • Wir müssen hart arbeiten, um wertvoll für andere zu sein. 

Die bringen nur niemandem etwas, dir selbst am wenigsten, aber auch den anderen Menschen in deinem Umfeld nicht, da du nie voll bei der Sache bist, nie ganz präsent im Moment und emotional immer ganz woanders. Darunter leiden dann auch die zwischenmenschlichen Beziehungen. Stress, Angstzustände und Stimmungsschwankungen nehmen zu, Unsicherheit und Unzufriedenheit breiten sich aus, Situationen werden nicht mehr rational betrachtet, du fühlst dich schneller angegriffen, weil dein eigenes Selbstwertgefühl leidet. Auf Dauer sind Erschöpfung, Überlastung, Krankheit, Stress und Unzufriedenheit vorprogrammiert. Die Bindung zu deinem Kind leidet, da du unter Stress nicht in der Lage bist, die Signale und Bedürfnisse deines Kindes sicher zu deuten und zu erfüllen. Für eine sichere Bindung ist dies jedoch essenziell. 

Aber wie kommst du da nun raus?

Wie findest du ein Mass, dass in deinem Familienalltag machbar ist und dir gut tut? Dass eine Woche Urlaub ihm Jahr und ab und mal mal ein heisses Bad keine Alternative darstellen, hast du vermutlich selbst schon bemerkt. Nach ein, zwei Tagen oder auch schon Stunden bist du wieder im Trott, der dich den letzten Nerv kostet. Es muss scheinbar also etwas anderes her. 

Und da darfst du nun selber ein bisschen kreativ werden, denn schließlich geht es um deine Bedürfnisse. 

Eine kleine Hilfestellung für dich: 

Selbstreflexion: Nimm dir Zeit, um über deine Bedürfnisse nachzudenken. Was macht dich glücklich? Was sind deine Hobbys oder Interessen? Was hat dir in der Vergangenheit geholfen, dich zu entspannen? Eine ehrliche Selbstreflexion ist der erste Schritt, um zu verstehen, was dir guttut.

Prioritäten setzen: Finde heraus, was dir wirklich wichtig ist. Und dann finde einen Weg, um diese Dinge in deinen Alltag zu integrieren. Vielleicht nicht gleich perfekt und so wie du es dir eigentlich vorstellst, aber fange an. Auch winzig kleine Schritte führen zum Ziel. Stehen bleiben nicht. 

Bitte um Hilfe: Du musst nicht alles alleine bewältigen. Bitte deinen Partner, Familienmitglieder oder Freunde um Hilfe, damit du ab und zu eine Pause einlegen kannst.

Regelmäßigkeit: Schaffe dir regelmäßige kleine Routinen, die dir Zeit für dich einräumen. Dies können ein paar Seiten lesen in einem Buch sein, Meditation, ein kurzer Spaziergang oder ein kurzes Durchatmen mit deinem Lieblingsöl sein. Und wenn an einem Tag mal gar nichts klappt, beginne morgen einfach von neuem. 

Nachhaltige Entspannungstechniken: Finde deine Entspannungstechnik, die dich nachhaltig entspannt, und erlerne diese. Du profitierst im Alltag von mehr Grundzufriedenheit und Wohlbefinden und bist auf stressige Zeiten gut vorbereitet. Solche Techniken können z. B. sein: Meditation, Yoga, Autogenes Training, PMR oder Atemübungen. 

Das Wichtigste ist, aktiv nach Möglichkeiten zu suchen, die für dich persönlich funktionieren. Was dir guttut, kann von Person zu Person unterschiedlich sein, also sei bereit, verschiedene Strategien auszuprobieren, um herauszufinden, was am besten für dich funktioniert. Selbstfürsorge ist ein lebenslanger Prozess, und es ist entscheidend, regelmäßig Zeit für dich selbst einzuplanen, um deine Akkus aufzuladen.

Wie ich angefangen habe

Was ich dir ans Herz lege, ist, schriftlich festzuhalten, was du am Tag für dich tust. Denn oft sind wir so sehr im Überlastungsmodus und sehen (und genießen) gar nicht, was wir doch an Zeit für uns haben. 

Als ich damit angefangen habe, Dinge schriftlich festzuhalten, waren das Dinge wie: 

  • 2 Minuten meditieren
  • 10 Minuten Hula Hoop
  • 30 Minuten Yoga in der Woche (zusammen gezählt, nicht am Stück)
  • Ein Kaffee auf der Terrasse in der Sonne 

Als ich es dann später durchgelesen habe, habe ich gedacht, „Ey, in der Woche komme ich ja doch auf einiges. Ich bin gar nicht nur im Funktionsmodus. Ich schaffe es ja, mir Zeit für mich zu nehmen!“ Und das habe ich dann bewusst immer weiter ausgebaut und angepasst. Mein wichtigstes Learning war dabei, überhaupt anzufangen. Egal, ob was mal an einem Tag nicht geklappt hat oder ich unterbrochen wurde. Durch das regelmäßige Dranbleiben, die Routine, habe ich überhaupt etwas geschafft, was ich sonst nichtmal begonnen hätte, „weil ich ja eigentlich keine Zeit dafür habe.“ 

Das Aufschreiben führt auch noch zu einem weiteren positiven Punkt, und zwar nimmst du die Dinge im Alltag gezielter wahr. Du schulst dich quasi nebenbei darin, weitere Dinge im Alltag zu finden, die dir Kraft spenden, also in Achtsamkeit. Während mein Kaffee durchläuft stelle ich mich z. B. Auf die Terrasse und atme, lausche dem Wind, den Vögeln und kreiere mir so einen weiteren Punkt auf meiner Liste. Du musst keine extra Zeit dafür einplanen und sie woanders „weg nehmen“. Du kannst dich ihn jedem Moment dafür entscheiden, ihn bewusst wahrzunehmen. 

Ich führe z. B. auch eine Liste mit Dingen, die ich mag, die mich glücklich machen. Darauf stehen Dinge wie fallendes Herbstlaub, der Duft frischer Luft. Es sind also wirklich ganz kleine Dinge, die mir in meinem Familienalltag so begegnen und die summiert dazu beitragen, meine Laune zu heben. Meine Grundzufriedenheit. Denn auch wenn „mal alles blöd ist“, die positiven Dinge überwiegen einfach. Nicht an allen Tagen, bei mir ist sicher nicht immer alles rosarot, aber meine Grundstimmung ist es. Und wenn du dir dann bewusst gemacht hast, dass Zeit da ist, die du für dich nutzen kannst, kannst du dir Gedanken machen, wie du diese Zeit am besten für dich füllen möchtest, so dass du Kraft daraus ziehst.

Dadurch, dass ich seit 8 Jahren nahezu 24/7 mit meinen Kindern zusammen bin, habe ich mir einige Selbstfürsorge-Strategien erarbeitet, die kurz und knackig sind und eben zum Teil auch mit Kindern zusammen funktionieren. Selbstfürsorge bedeutet nicht zwingend, die Zeit allein verbringen zu müssen. Also natürlich darf es das bedeuten und dann darfst du dich auch darum kümmern, dass jemand anderes die Betreuung für die Kinder für diese Zeit übernimmt, so dass du wieder auftanken kannst. Weitere Tipps und Infos zu Entspannung, Stressabbau und Selfcare findest du auch in meinem 5-Schritte-Fahrplan Verbindung statt Alltagsfalle (für 0 €).

Wie ich meine Selbstverantwortung lebe

Ich habe für mich festgestellt (und das kann wiederum für dich interessant sein, wenn du nicht immer im Alltag die Möglichkeit hast, eine Betreuung für dein Kind zu organisieren), dass ich auch mit den Kindern gemeinsamen auftanken kann, indem ich Aktivitäten wähle, die auch mir Freude machen und gut tun und so ganz automatisch dafür sorgen, dass meine Grundstimmung steigt und meine Akkus aufladen. Das funktioniert im Alltag nicht immer gleich gut und ist deshalb auch nicht als direkte Akutmaßnahme für den Beginn geeignet, präventiv kannst du aber so für eine positivere Grundstimmung bei dir sorgen. Dies erfordert eben auch, dass du dir über deine Bedürfnisse und eigenen Grenzen im Klaren bist. 

Ich nehme als Beispiel mal Malen und Tierpark. Das sind im Grunde zwei Dinge, die uns allen Kraft spenden und Spaß machen. Nun sind sie vom Aufwand her aber total unterschiedlich. 

Bevor ich nun die Kinder frage, ob sie auf etwas davon Lust hätten, mache ich mir Gedanken, was davon ich heute anhand meiner eigenen Ressourcen bewältigen kann. Hole ich nur ein paar Stifte, Farben und Blätter hervor und gehe vielleicht noch zum Malen auf die Terrasse, wenn mir frische Luft wichtig ist oder bereite ich Essen und Kleidung vor, begleite den Übergang ins Auto, laufe durch den ganzen Park, packe die Taschen später wieder aus, begleite evtl. noch den ein oder anderen Gefühlssturm im Parkshop… du kennst das. 

Das einzuschätzen ist meine Selbstverantwortung, meine Fürsorge für mich. Wenn ich denke, „Jau, alles kein Problem heute“, dann los geht’s. Wenn ich allerdings schon denke, „Boah, Tasche packen?! Irgendwie anstrengend.“ Dann ist der Tierpark heute eher keine gute Idee. Ein Zwischending wäre bei uns noch die Ponykoppel in der Nähe. Tiere, frische Luft, gute Laune, wenig Essen einpacken, kurze Fahrt. 

Ich glaube, es wird deutlich, was ich damit sagen möchte. Selbstfürsorge bedeutet eben auch und vor allem, deine Grenzen und Bedürfnisse zu kennen und liebevoll zu kommunizieren. Und wenn dir das schwer fällt und du ein schlechtes Gewissen hast, darfst du dich immer wieder gern an deine Vorbildfunktion erinnern. Wie soll dein Kind lernen, seine Grenzen und Bedürfnisse zu wahren, wenn es bei dir sieht, wie du regelmäßig deine übertrittst? 

In meinem Entspannungskompass für Kids findest du Ideen, wie du Achtsamkeit und Entspannung spielerisch auch schon deinem Kind näher bringen kannst. Vielleicht schaust du dir ja sogar die eine oder andere Idee für dich ab. 😉  

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